Stadtgrenze

„Ich sehe nichts.“ In der Stimme hinter mir schwingt eine nicht unerhebliche Ratlosigkeit mit, und die ältere Dame, die inzwischen neben mir steht, blickt entschlossen in die Richtung, in die auch die Kamera gerichtet ist. „Ich sehe immer noch nichts. Was sehen Sie?“, fragt sie mich eindringlich. Sie habe noch immer sehr gute Augen, könne aber bei aller Liebe kein Tier zwischen den Zweigen erkennen.
Nun war es an mir zu erklären, dass sie völlig richtig liegt, es kein Tier zu sehen gibt, und es auch nicht mein Anliegen ist, ein solches im Bild festzuhalten. Momentan bin ich hin und wieder unterwegs, um für eine neue Serie direkt an der Stadtgrenze Hamburgs zu fotografieren, bevorzugt mit Blickrichtung aus der Stadt, in diesem Fall nach Schleswig-Holstein. Ich erzähle ihr von den völlig unterschiedlichen Bildwelten, die sich ergeben, von ganz ruhigen, der Natur geprägten Momenten wie diesem, über eher kleinstädtisch wirkenden Ansichten bis hin zu den urbanen Bildern die man tendenziell im Kopf hat, wenn man an eine Stadt dieser Größe denkt.
Ihr Blick wandert vom Stativ in Richtung Waldrand, dann zurück zu mir. Nach einer längeren Pause, in der ich mich frage was sie wohl denkt, stellt sie nüchtern fest, dass das doch so eine moderne Kamera wäre, bei der man die Bilder gleich betrachten könne. Sie würde gerne einen Blick darauf werfen wollen.
Nachdem das erledigt ist, lächelt sie mich an und sagt:“Viel ist nicht zu sehen, außer Getrüpp. Aber es sieht eigentlich ganz gut aus, hätte ich jetzt gar nicht gedacht.“ Sie verabschiedet sich und wünscht mir Erfolg für das Projekt, mit dem Hinweis, dass das eine interessante Geschichte werden könnte.
Das hoffe ich, und ganz nebenbei sind es genau diese Begegnungen und Gespräche, welche das Arbeiten an solchen Langzeitprojekten für mich noch wertvoller machen.

Hamburg-Niendorf | 53°38’56“ N 9°57’53“ O